Stein auf Stein, Bit um Bit!

Trends und Herausforderungen für das Handwerk im Jahr 2019.

Autor: Ferdinand Seulen.

Besser als jemals zuvor“, heißt es im aktuellen Konjunkturbericht des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Nach der neuesten Herbstbefragung mussten die Umsatzprognosen der Branche zum vierten Mal in Folge nach oben korrigiert werden. Gute Nachrichten für die über 5 Millionen in Deutschland beschäftigten Handwerkerinnen und Handwerker. Doch vermitteln die aufeinanderfolgenden Allzeithochs eine realistische Erwartung an die Zukunft? Die Zahlen dürfen nicht über die vielen Herausforderungen hinwegtäuschen, denn der Wettbewerb bleibt durch die Digitalisierung und zunehmend ausländische Unternehmen für Betriebe nur schwer berechenbar. Auch das häufig diskutierte Problem des Fachkräftemangels ist nicht gelöst. Welche Trends und Herausforderungen ergeben sich für das neue Jahr für sowohl große als auch kleine Betriebe?
Quelle: rawpixel
 
Neue Technologien begrüßen
Das deutsche Handwerk arbeitet im Gegensatz zu der allgemeinen Wahrnehmung nicht weniger digitalisiert als die Industrie. Auf die ungefähr gleiche Anzahl von Beschäftigten kommen in der Industrie nur eben ca. 22.000 Betriebe, im Handwerk mehr als 550.000. Die Digitalisierung muss also in deutlich mehr und in deutlich kleineren Betrieben umgesetzt werden. Was aber für den Traditionsbäcker und den Bauunternehmer gleichermaßen gilt: Die Offenheit für Neues ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft. Was bedeutet das konkret? Die Liste an zukunftsweisenden Technologien ist lang: Internet of Things, Augmented Reality, 3D-Drucker, Roboter, Künstliche Intelligenz als Motor für verschiedenste Programme. Ob es nun aber eine Buchhaltungssoftware ist, die einem Klempner erlaubt, mobil Angebote zu schreiben oder ob es eine 5D-BIM-Methodik ist, die den Lebenszyklus eines Gebäudekomplexes berechnet, ist hierbei egal. Handwerker und Unternehmer sind aufgefordert, sich über neue Entwicklungen der Digitalisierung zu informieren, um einschätzen zu können, mit welcher Technik sie eventuell ihren Service verbessern können. Das genannte Beispiel des Business Information Modelings (kurz BIM) macht die Relevanz deutlich. Bereits ab dem Jahr 2020 ist BIM für Ausschreibungen des Bundes Pflicht. Im Falle des Klempners könnte wiederum ein Konkurrent durch verwendete Tools Vorteile in Qualität, aufgebrachte Arbeitszeit und Service bieten und so Innovationsmüde abhängen.
Berufe und deren Ausbildung im Wandel
Jährlich werden in Deutschland ca. 27.000 Kfz-Mechatroniker ausgebildet. Den Beruf gibt es in dieser Form aber erst seit 2003. Ganz ähnlich könnten in den nächsten Jahrzehnten neue Berufsbilder im Handwerk entstehen. Die Liste der oben genannten Technologien muss schließlich auch verstanden und bedient werden können. Auch in der Ausbildung sind neue Technologien an verschiedenen Stellen einsetzbar: Angehende Gas- und Wasserinstallateure können beispielsweise das Schweißen dank Augmented Reality völlig risikofrei erlernen. In vielen Lehrplänen ist von innovativen Technologien jedoch noch nichts zu finden. Arbeitet der Ausbildungsbetrieb ebenfalls nicht mit neuerer Hard- und Software, ist das eigentliche Ausbildungsziel für das Jahr 2019 nicht erreicht. Die Innovationszyklen werden kleiner und die Qualifizierung der sowieso zu wenig vorhandenen Fachkräfte umso wichtiger. Das Jobprofil vieler Handwerker wird sich massiv verändern. Darauf vorausplanend zu reagieren, ist eine der wichtigsten Aufgaben für das kommende Jahr. Positiver Nebeneffekt: Betriebe, die mit einer digitalen Ausbildung locken, sind attraktiver für engagierte Bewerber.
Letzte Abfahrt für kleine Betriebe
Die digitale Revolution begann bereits im letzten Jahrhundert, veränderte die Wirtschaft in ihren Grundfesten und scheint in ihrer Innovationskraft doch zu vielen Betrieben noch nicht durchgedrungen zu sein. Eine Umfrage des Kompetenzzentrums für Digitales Handwerk aus dem letzten Jahr ergab, dass nur 22% der befragten Betriebe in die Digitalisierung investierten. Als einer der Hauptgründe dafür nennt das Zentrum die Altersstruktur vieler Firmen. Die Digitalisierung der Prozesse werde schlicht bis zur nächsten Generation verschoben. Das Zurückstellen von neuen Ideen und der Optimierung von Arbeitsabläufen kann jedoch unternehmerisch keine Option sein. Betriebe verpassen den Anschluss an neue Technologien und vergeben damit auch die Chance, wichtige Vorteile für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Aber nicht nur die Entlastung der Mitarbeiter durch digitalisierte Büro- und Verwaltungsarbeiten entfällt. Die neue Generation der Auftraggeber hat ebenfalls bisher nicht dagewesene Bedürfnisse, auf die das Handwerk auch schon im Jahr 2019 eingehen muss. Smart-Home-Technologien und andere neue Tools müssen in das Leistungsportfolio aufgenommen werden. Verbände und Initiativen sind in der Pflicht, proaktiv auf Firmen zuzugehen, denen Digitalisierung als Herausforderung im Jahr 2019 bevorsteht und individuell Unterstützung zu leisten.
Fazit: Wappnen für die Zukunft
Die Umsatzzahlen des ZDH lassen positiv in die Zukunft blicken. Ein guter Geschäftsklimaindex und volle Auftragsbücher sind jedoch kein Garant für eine erfolgreiche Zukunft jenseits des Konjunkturhochs. Im Jahr 2019 müssen Betriebe, ob Einmann oder Konzern, Weichen für Technologie und Ausbildung stellen. Zahlen vom ZDH aus dem Jahr 2017 ergaben nämlich außerdem, dass in den kommenden fünf Jahren ca. 500.000 Handwerker in den Ruhestand gehen, aber nur 360.000 Neue nachkommen werden. Eine Digitalisierungsstrategie kann Teil der Lösung des Problems sein.


Kategorien:Gesellschaft

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